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Ägypten-Austausch 2013

Gruppenfoto
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Die Fellows des Jahrgangs 2012-2013 organisierten einen Austausch mit Studierenden der Cairo University und der American University Cairo unter dem Titel "Visions of Democracy". Im Mai 2013 reiste die ägyptische Delegation nach Berlin, wo ein vielfältiges Programm von den Fellows durchgeführt wurde.

Hier können Sie ein Interview des Radiosendes multicult.fm mit unserer Fellow Elisa Rheinheimer und der ägyptischen Studierenden Amira Hany Elserafy zu dem Projekt "Visions of Democracy" hören (externer Link). Auf der linken Seite finden Sie unter "Downloads" noch ein in der Deutschen Rundschau erschienenes Portrait über zwei ägyptische Studierende und ein Interview mit ihnen.

Visions of democracy – ein deutsch-ägyptisches Austauschprojekt

Masterstudenten aus Kairo im Austausch mit den Fellows der Europawissenschaften

 

Aufgebrachte Menschenmassen, Tote und Verletzte, Rufe nach Brot und Freiheit, Tränengas und Kamelreiter, die ihre Tiere dazu antreiben, die Demonstranten niederzutrampeln – wir kennen diese Bilder aus dem Fernsehen. Aber plötzlich ist irgendwie alles anders. Plötzlich sitzen junge Ägypter auf den Stühlen in unserer Villa in der Otto-von-Simson-Straße, Männer und Frauen in unserem Alter, die auf dem Tahrir Platz waren, als all das geschah. Reham und Mohamed zeigen uns ein Video der Revolutionstage im Januar 2011, und es wird ganz still im Raum. Uns Deutschen wurde in diesem Moment klar, dass es auch unsere neuen Freunde aus Kairo und Alexandria sind, die die Revolution gemacht haben, die live dabei waren, mit all der Angst und der Wut und der Hoffnung im Bauch.

 

Russland, Ägypten oder doch lieber Kroatien? Die Anfänge

 

Für uns begann alles im November 2012. Auf Anregung unserer Studiengangskoordinatorin Kristina Jacobsen hatten wir Fellows die Idee, ein Austauschprojekt zu organisieren, und so fand sich eine Gruppe von rund zwölf Studenten zusammen. Zunächst hieß es, eine Einigung zu erzielen, wo es denn hingehen sollte: Nach Ägypten oder nach Russland, in die Türkei oder nach Kroatien? Schließlich einigten wir uns auf Ägypten. Aufgrund der dortigen Umbruchsituation (zu dem Zeitpunkt war die Lage im Land noch – oder wieder – relativ stabil) reizte uns der Austausch mit Ägyptern und wir waren der Ansicht, dass wir als Europawissenschaftler auch den Blick über den Tellerrand hinaus nicht vergessen sollten. Mit wie viel Aufwand die Organisation eines solchen Projektes verbunden war, ahnte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand von uns. Ab November sprachen wir stets von unseren „zukünftigen ägyptischen Freunden“ – und hatten noch keine Ahnung, wer diese sein würden und ob sie genau so ein Interesse an uns haben würden wie wir an ihnen.

 

Von Scharia bis Shopping: Vorurteile und Erkenntnisse

 

Sechs Monate später waren fünfzehn Ägypterinnen und Ägypter in Berlin – und auf beiden Seiten konnten allerlei Vorurteile und Stereotype ausgepackt werden. Die Ägypter sind bedeutend lauter als wir, gehen in einem sehr viel langsameren Tempo und mögen kalte Temperaturen, lernten wir. Sie sind verrückt nach shoppen (wohlgemerkt auch die Männer!), verirren sich im Berliner U-Bahn-System und werden gerne „an die Hand genommen“, so die Bilanz. Die Ägypter sind ausgesprochen höflich und tragen Frauen oft schwere Taschen. Die Ägypterinnen brauchen genau wie viele Deutschen stundenlang im Bad, besonders, wenn man ungeduldig auf sie wartet. Auf die Ägypter wiederum wirken wir oft gestresst, ernst, ungeduldig und sehr organisiert. Weitere Erkenntnisse auf deutscher Seite: Die Scharia ist kein Buch und predigt auch nicht nur Hand-abhacken, und die Kopftuchdebatte ist in Ägypten genau so heiß wie bei uns. Doch bevor es so weit war und wir all das lernten, stand uns eine Menge Arbeit bevor.

 

Projektmanagement zwischen Praktikum und Hausarbeiten: Eine Idee nimmt Form an

 

Im Laufe der Monate zwischen November und Mai nahm unsere Idee Form an: Wir machten uns Gedanken über mögliche Kooperationspartner und fanden in der Cairo University und der American University Cairo interessierte Partner. Wir formulierten Ziele und Inhalt des Projekts und formten Projektgruppen, wobei sich die Einen um Inhalt und Redner kümmerten, die Anderen um Freizeitgestaltung und Unterkunft, die Dritten um Finanzen und Flüge. Unter dem Titel „Visions of Democracy“ wollten wir verschiedene Vorstellungen von Demokratie untersuchen und anhand der drei Säulen Politik, Wirtschaft und Recht Demokratiekonzepte miteinander vergleichen und Ansichten austauschen. Soweit die Theorie. Doch ohne finanzielle Unterstützung kein Austauschprojekt. So bewarben wir uns um ein Vollstipendium beim DAAD und zitterten, ob die Bewerbung erfolgreich sein würde, denn wir hatten alles auf diese eine Karte gesetzt. Mit viel Spaß fertigten wir den zehnseitigen Förderantrag an, mit viel Frust nahmen wir Hürden technischer Art, ärgerten uns grün und blau über unsere Computer und all die bürokratischen Hindernisse, die uns in den Weg gelegt wurden, verloren die Geduld und rissen uns letztlich doch zusammen. Es war eine Herausforderung, neben Seminaren und Prüfungen, Hausarbeiten und Praktika den logistischen, inhaltlichen und finanziellen Überblick zu wahren und das Projekt weiterzuentwickeln. Doch trotz der ohnehin knapp bemessenen Freizeit, die zu großen Teilen für die Organisation des Austausches draufging, machte es uns allen Spaß und wir wuchsen als Team mehr und mehr zusammen. Als die Zusage vom DAAD kam, war der Jubel groß. Und als die ersten Bewerbungen der Ägypter eintrafen und wir deren Lebensläufe vor uns hatten, waren wie schwer beeindruckt. Unsere zukünftigen ägyptischen Freunde waren auf einmal keine Illusion mehr.  

Und endlich sind sie da! Volles Programm während der Austauschwoche in Berlin

 

Am 24. Mai war es dann soweit und wir standen ein wenig aufgeregt mit einem „Visions of democracy – welcome to Berlin“- Schild am Flughafen, um unsere Austauschpartner in Empfang zu nehmen. Via E-mail und Facebook hatten wir uns schon vorab miteinander vertraut gemacht, doch die persönliche Vorstellung ist immer anders. Wie hieß der da drüben jetzt gleich, Mohammed oder Bassem...? Während des ersten Teils des Projektes, der Austauschwoche in Berlin, hatten wir volles Programm. Workshops und Seminare zu rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten standen genau so auf dem Programm wie Vorträge und Präsentationen von externen Rednern und Besuche von Berlins Sehenswürdigkeiten. Eine Führung durch den Bundestag beeindruckte die Ägypter sehr und zählte zu ihren Highlights der Woche, ein Besuch im Auswärtigen Amt und das Gespräch mit zwei deutschen Diplomaten führte zu angeregten Diskussionen über die Rolle Deutschlands und der EU in Ägypten, und eine Podiumsdiskussion zum Thema „Säkulares Europa: Wunsch oder Wirklichkeit?“ unter der Leitung von Dr. Eckart D. Stratenschulte in der Europäischen Akademie Berlin (EAB) rundete die Woche ab. Ferner waren wir stolz, vom Ägyptischen Botschafter in Berlin zu einem Empfang eingeladen zu werden und dort junge Diplomaten aus der arabischen Welt kennenzulernen. Ein Besuch im Jüdischen Museum sowie im Stasi-Museum bot die Gelegenheit, unseren Gästen deutsche Geschichte anschaulich zu vermitteln und zu zeigen: Auch Deutschland musste im Laufe seiner Entwicklung hin zu einer funktionierenden Demokratie viel Leid erfahren. Doch die Vergangenheit stand in unseren Gesprächen nicht so sehr im Vordergrund wie die Gegenwart und Zukunft. Beispielsweise diskutierten wir mit Weronika Priesmeyer von der EAB über die Europäische Nachbarschaftspolitik und Falko Schmidt von Desertec referierte über die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands und Ägyptens. Zudem stellten wir Studenten uns gegenseitig die politischen und juristischen Systeme unserer Heimatländer und der EU bzw. der Arabischen Liga vor. Es war durchaus eine Herausforderung, das, was wir in einem gesamten Studienjahr lernen, in einer halbstündigen Präsentation darzustellen. Wie erklärt man als Europawissenschaftler in 30 Minuten verständlich, wie die EU funktioniert? Und wie das eigentlich mit Europarecht ist? Dank der vielen Fragen der Ägypter konnten wir unter Beweis stellen, was wir gelernt hatten – und stellten fest: Das war schon eine ganze Menge.


Säkulare und Islamisten – Begrifflichkeiten und was dahinter steckt

 

Doch am Wertvollsten für beide Seiten waren die Diskussionen, die wir führten: Vor, während und nach den Präsentationen, in den Pausen, beim Mittagessen, während einer Spreerundfahrt... Bei unseren Teilnehmern handelte es sich um diskussionsfreudige Persönlichkeiten und so blieb eigentlich stets zu wenig Zeit, um alles in Ruhe auszudiskutieren, denn immer wieder kamen neuen Themen auf, blieben Fragen offen, wurde angeregt und oft hitzig geredet und gestritten. Doch alle Diskussionen wurden mit Respekt und Achtung voreinander geführt und dass die Debatten bisweilen nicht ganz aus dem Ruder liefen, ist in erster Linie unserem Trainer Evan zu verdanken, der vermittelte und schlichtete, zusammenfasste und wenn nötig auch mal unterbrach. Spannend für uns war die Erkenntnis, dass die größten Unterschiede nicht etwa zwischen Deutschen und Ägyptern bestanden, sondern innerhalb der ägyptischen Gruppe! Wir lernten, dass „säkular“ in großen Teilen der ägyptischen Gesellschaft als Schimpfwort gilt, „islamistisch“ dagegen nicht per se negativ konnotiert ist. Was auch immer Thema der Diskussion war: Ein kontroverser Aspekt, der früher oder später stets im Mittelpunkt stand, war Religion. Ganz besonders in unserem World Cafe, einer Diskussionsform, die am letzten Projekttag zur Anwendung kam, wurde uns allen klar: Wir brauchen definitiv noch mehr Zeit, um gemeinsam über Themen wie Partizipation und die Rolle der Frau, Pressefreiheit und den Umgang mit Minderheiten, Religion und zivilgesellschaftliches Engagement zu sprechen.        

 

Vom Verlieben und Verloben – Gespräche jenseits der Workshops


Neben den Seminarinhalten war es auch der persönliche Austausch, der für uns alle eine Bereicherung darstellte. Die veränderte Wahrnehmung, ein neues Verständnis füreinander, der Aufbau von Freundschaften. Als wir mit der Gruppe durch Berlin zogen, drückte eine deutsche Teilnehmerin es so aus: „Das ist lustig, plötzlich gehören die Mädels mit dem Kopftuch zu uns“. Und die Mädels mit dem Kopftuch – was übrigens nicht alle von ihnen trugen – hatten Spannendes zu erzählen. Da war Amira, die mir das Foto ihres Verlobten zeigte, dem sie aus religiösen Gründen vor der Hochzeit nicht einmal die Hand schüttelte. Und da war Menan, die erfolgreich dafür gekämpft hatte, in einer WG mit Mädchen zu wohnen, reisen zu dürfen, denn das schickt sich nicht, und wer als Frau „alleine“ wohnt, also ohne Ehemann oder Familie, der wird schnell als Prostituierte abgestempelt, erzählte sie mir. Eines unserer Projektziele war es, persönlichen Austausch zu ermöglichen, Brücken zu bauen, und ein Netzwerk für die Zukunft aufzubauen – das ist geglückt.

 

Besuch in Kairo im nächsten Jahr? Die Zukunft unseres Projekts

 

Wie es nun weitergeht, ist offen. Aufgrund der instabilen politischen Lage mussten wir den zweiten Teil des Projektes, der in Kairo stattfinden sollte, absagen. Ob er nachgeholt werden kann, wird auch daran liegen, ob die zukünftigen Fellows Interesse daran haben, den Austausch fortzusetzen. Wir sind auf jeden Fall mit „unseren Ägyptern“ via E-mail und Facebook in regem Kontakt. Bald wird es auch einen Blog geben, auf dem wir uns in Zukunft austauschen werden. Und wenn wir nun Nachrichten sehen und im Fernsehen Bilder von Kairo gezeigt werden, dann hat das plötzlich eine andere Dimension für uns. Denn da sind Leute, die wir kennen. Unter den Demonstranten, den Verletzten und den Toten könnten auch unsere Freunde sein. Ägypten ist plötzlich nicht mehr so weit weg. ...Und was ist nun mit unserer gemeinsamen Vision von Demokratie? Darauf gibt es keine Antwort. Denn die eine, perfekte Form von Demokratie gibt es nicht, so der Konsens. Demokratie ist nun mal vor allen Dingen eins: pluralistisch.

Elisa Rheinheimer